Veröffentlichungen

Lessons of Brexit: Grenzen direkter Demokratie

Geschichte ist nicht prognostizierbar. Wie wahr dieser Satz ist, zeigt der Volksentscheid der Briten für den Ausstieg aus der Europäischen Union. Nicht prognostizierbar heißt natürlich nicht, dass man im Nachhinein nicht gute und plausible Erklärungen vorbringen kann, wie es dazu kommen konnte. Ich will hier nicht all die klugen Versionen und Thesen wiederholen, die in den letzten Tagen durch die Presse gingen und immer noch dem geschockten Publikum, zu dem gewiss auch eine Menge Briten gehören, präsentiert werden. Von einer „deutlichen“, „eindeutigen“, ja „klaren“ Entscheidung war anfangs die Rede. Das scheint mir jedoch bei einem Wahlausgang von 51,9 % zu 48,1 % ein vorschnelles Urteil und nicht angemessen zu sein. Wäre der Entscheid tatsächlich so eindeutig gewesen, verbände sich nicht soviel gesellschaftlicher Sprengstoff mit ihm. Continue reading “Lessons of Brexit: Grenzen direkter Demokratie” »

Der Fall Böhmermann: Max und Moritz oder Michel aus Lönneberga?

Ein deutscher Satiriker schreibt ein grottenschlechtes Gedicht, und in der Türkei fällt das Staatsoberhaupt vom Stuhl. Das hat schon einen eigenen Witz. Dem Lausbuben Böhmermann droht nun die Staatsgewalt. Das erinnert an Wilhelm Buschs Max und Moritz, die es mit ihren schlechten Scherzen einfach zu weit getrieben haben und am Ende bitter dafür zahlen mussten. Kennt der junge Böhmermann die Moritaten von Busch etwa nicht mehr? Jetzt musste er erstmal flüchten und sich irgendwo verstecken – vielleicht in einem Holzschuppen, wo er Figuren schnitzt, bis die Luft wieder rein ist, so wie einst Michel aus Lönneberga. Der hatte allerdings immer gute Absichten bei seinen Missgeschicken. Wie verhält sich das bei Böhmermann? Eher wie bei Max und Moritz oder wie bei Michel? Continue reading “Der Fall Böhmermann: Max und Moritz oder Michel aus Lönneberga?” »

Ölpreise sind wie das Wetter: Immer falsch

Als ich heute den Wirtschaftsteil einer Zeitung aufschlug, las ich abermals einen dieser Artikel, die dem Leser suggerieren, man müsse sich vor dem niedrigen Ölpreis fürchten. Derlei liest man ja immer wieder. Doch mit einem gesunden Menschenverstand, dem auch tiefere volkswirtschaftliche Kenntnisse nicht widersprechen sollten, muss man doch darüber stolpern. Da klagt man seit Jahr und Tag über zu hohe Ölpreise, darüber dass Deutschland diesen wichtigen Rohstoff in Unmengen teuer importieren muss. Und dann geht das Gejammer los, wenn der Preis auf einen Bruchteil sinkt. Wie passt das zusammen? Um es vorweg zu nehmen, gar nicht. Continue reading “Ölpreise sind wie das Wetter: Immer falsch” »

Wir schaffen das oder verpassen was!

Es war zu befürchten, dass die euphorische Stimmung weiter Bevölkerungsteile gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und anderen Terrorregionen nicht dauerhaft anhalten wird. Zumindest sieht es im Moment so aus, als könne sie jederzeit ins Gegenteil kippen. Die Kritik an der Gastfreundschaft Merkels wird lauter, die Fremdenangst wächst, die Panikrufe werden lauter und auch die Medien geben den Skeptikern inzwischen wieder mehr Raum und Futter. Es wird sich nun zeigen, ob die Deutschen wirklich so großzügig, großherzig, weltoffen, weitsichtig und gerecht sind, wie es für einen kurzen Moment, der viele Staatsbürger, die lange unter dem schweren Erbe der Nazis gelitten haben, mit Stolz und Mut erfüllte, den Eindruck machte. Continue reading “Wir schaffen das oder verpassen was!” »

Nicht nur ein Skandal

Ein Skandal, wie er seines Gleichen sucht. Betrug am Kunden, Schädigung von Mensch und Umwelt, Zerstörung von Ruf und Vertrauen, Gefährdung von Arbeitsplätzen und Vernichtung von Kapital. Ganz Deutschland wird unter diesem „Fehlverhalten“ zu leiden haben. Man muss wohl nicht darüber diskutieren, dass die Schuldigen hart bestraft werden sollten. Aber wer trägt die Schuld? Trotz Rücktritt ist sich der ehemalige Vorstandsvorsitzende Winterkorn „keines Fehlverhaltens bewusst“. Mit Jahresbezügen jenseits von 15 Millionen Euro war er Deutschlands bestbezahlter Manager. Continue reading “Nicht nur ein Skandal” »

Verteidigungsfall von der Leyen

Karl-Theodor zu Guttenberg hat es getan. Annette Schavan hat es getan. Und – ja, ich wage die „Vorverurteilung“, die im Grunde bereits als Urteil feststeht – Ursula von der Leyen hat es auch getan. So wie es aussieht, hat man gute Chancen, Bundesminister, insbesondere Verteidigungsminister zu werden, wenn man charakterlich zu dem Typ Mensch zählt, der sich gerne mit fremden Federn schmückt. Nur erwischen lassen darf man sich eben nicht. Doch was man vor wenigen Jahren noch für einen sicheren Coup hielt, ist durch moderne Technologie für Aufschneider zur Zitterpartie geworden. Continue reading “Verteidigungsfall von der Leyen” »

Sprachhüter sind noch überflüssiger als Denglisch

Da taucht sie plötzlich wieder auf: Eine Liste mit angeblich vermeidbaren Anglizismen, welche die Nordwestzeitung (NWZ) auch in diesem Jahr (Sonnabend, den 12. September) wieder abgedruckt hat. Ich habe das bereits vor drei Jahren, als die NWZ die Liste schon einmal veröffentlichte, in der Kolumne „Denglisch for Runaways“ kritisiert. Die alphabetisch sortierten Wörter mit Alternativvorschlägen, die sich über eine ganze Seite erstrecken, sind wohl eine Auswahl der neuen Ausgabe des Buches  „Der Anglizismen-Index“, an dessen Herausgabe der „Verein Deutsche Sprache“, der „Sprachkreis Deutsch“ aus Bern und der „Verein Muttersprache“ aus Wien beteiligt sind.

Einverstanden, es gibt vor allem in der Werbung, den Schaufenstern und im Geschäftsleben eine Menge überflüssiger, unsinniger und bisweilen falsch verwendeter englischer Begriffe. Andererseits ist es meines Erachtens nicht minder falsch und überflüssig, wenn selbsternannte Sprachhüter die angeblich urdeutsche Sprache vor ihrem Untergang bewahren wollen. Sprache ist eine Institution, die einem permanenten Wandel unterworfen ist. Das galt in der Vergangenheit, und das gilt auch für die Gegenwart und Zukunft. Der Wandel richtet sich erstens nach der Notwendigkeit, neue Begriffe für neue Gegenstände und Sachverhalte finden zu müssen, zweitens nach der Bequemlichkeit der Anwender, die sich möglichst kurz und knapp verständlich machen wollen, und drittens natürlich auch nach Identifikationsbedürfnissen, womit man die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe signalisieren möchte. Wer einen „Anglizismen-Index“ herausgibt und – wie nun wiederholt etwa von der NWZ getan – in den Chor der Hütervereine deutscher Sprache einstimmt, verkennt die dezentrale Dynamik von Sprache, als deren Experten sie sich ausgeben. Schaut man sich nun die Liste, welche der Vermeidung von Denglisch dienen soll, einmal genauer an, gewinnt man allerdings den Eindruck, dass ihre Autoren sich entgegen ihrer Etikette nicht sehr tief mit der Materie befasst haben.

Es dürfte den Deutschhütern eigentlich nicht entgangen sein, dass unsere Sprache randvoll ist mit eingedeutschten fremdsprachlichen Wörtern. Insbesondere kommen – aufgrund der europäischen Geschichte – viele Begriffe aus dem Lateinischen oder Griechischen, manche auch aus dem Französischen. Einige dieser Begriffe sind allerdings so gut eingebürgert, dass ihr „Migrationshintergrund“ kaum noch zu erkennen ist. Und so ist es wohl zu erklären, dass auch die oberflächliche Herangehensweise der Liste-Autoren einige Alternativvorschläge zu den von ihnen kritisierten Anglizismen wiederum selbst nur eingedeutschte fremdsprachliche Begriffe sind, nur eben nicht aus dem Englischen: Das englische „level“ etwa durch das französische „Niveau“ zu ersetzen, macht meines Erachtens ebenso wenig Sinn wie „date“ durch „Rendezvous“. Und was an einem aus dem Lateinischen übernommenen „Termin“ grundsätzlich besser sein soll als das englische „date“, das im übrigen auch nur dem lateinischen „datum“ entlehnt ist, erschließt sich mir ebenso wenig wie die Anmahnung, man solle doch anstatt „easy“ beispielsweise „simpel“, das lateinische Wort für „leicht“, benutzen, das wiederum – wenn auch etwas anders geschrieben – ebenso im Englischen existiert, aber dort etwas ganz anderes meint. Auch der Vorschlag der Sprachreiniger, man könne anstelle des Anglizismus „uncool“ das Wort „uninteressant“ benutzen, verkennt nicht nur den inhaltlichen Unterschied, sondern übersieht abermals, dass es sich hierbei um eingedeutschtes Latein handelt: „inter“ für „zwischen“ und „esse“ für „sein“ (Interesse zu haben, bedeutet somit, mitten dazwischen zu sein, also voll bei der Sache).

Ich persönlich fand die größte Widersprüchlichkeit der Liste bei dem Wort „Handy“, welches doch bitte „Mobiltelefon“ genannt werden solle. Dabei ist dieses Wort keinesfalls deutscher als die Bezeichnung „Handy“. Man kann sogar das Gegenteil behaupten. Erstens kommt der vordere Teil des Wortes, „Mobil“, aus dem Lateinischen und heißt nichts anderes als „beweglich“. Zweitens setzt sich der hintere Teil „telefon“ aus dem altgriechischen „tele“, für „fern“ und dem lateinischen „fon“ (phon), womit „Ton“ oder „Laut“ gemeint ist, zusammen. Ein „bewegliches Fernlautgerät“ müsste es auf Deutsch also wenn schon denn schon heißen. Klingt lustig, wird sich mit seinen 9 Silben aber gegen ein knackiges zweisilbiges „Handy“ schon aus rein pragmatischen Gründen vermutlich nicht auf der Straße durchsetzen. Drittens ist der Begriff „Handy“ als Bezeichnung für ein Mobiltelefon dem Engländer oder Amerikaner gänzlich unbekannt und eine rein deutsche Erfindung, gewissermaßen also urdeutsch – die Schreibweise mal außer Acht gelassen. Viertens stammt das englische Wort „handy“, was ganz allgemein „handlich“ heißt, letztendlich ohnehin von der deutschen „Hand“ ab. Sein Recycling – oh, Entschuldigung: seine Wiederaufbereitung – für die deutsche Sprache ist also durchaus naheliegend.

Man könnte so weiter machen. Für unsere Zwecke mögen die Beispiele ausreichen. Was kann man daraus schlussfolgern? Richtig, Sprache ist lebendig – zumindest solange sie gesprochen wird. Sprachen können sich im Laufe der Zeit genauso wie Völker vermischen. Und Reinrassigkeit braucht man in der Sprache ebenso wenig wie bei den Genen. Die teilweise Vermischung von Sprachen geschieht natürlich nicht ganz willkürlich, sondern hängt von geschichtlichen Zusammenhängen ab. Dass in der Vergangenheit Deutsch – wie viele andere europäische Sprachen auch – von lateinischen Begriffen durchdrungen wurde, lag vor allem daran, dass sie aufgrund römischer Vorherrschaft über viele Jahrhunderte Weltsprache der europäischen Herrscher, Gelehrten und Wissenschaftler war. Heute ist die Sprache internationaler Dispute Englisch. Während aber Latein praktisch gar nicht mehr gesprochen wird, ist Englisch gleichzeitig eine Weltsprache, die nicht nur auf die Oberschicht beschränkt ist. Im Gegensatz zu Latein taugt Englisch daher nicht als Identifikationsmerkmal der bildungsbürgerlichen Oberschicht. Hinzu kommt, dass Deutschland ein Land ist, das wirtschaftlich und kulturell sehr weltoffen, mondän (französisch), global (latein, englisch) ist und daher viele Bundesbürger viele Berührungspunkte mit der englischen Sprache haben. Es liegt nahe, dass in einer solchen Situation eine Menge Anglizismen entstehen. Und daran kann eigentlich nichts Schlechteres sein als in früheren Jahrhunderten die Invasion lateinischer Begrifflichkeiten. Es muss also etwas anderes hinter dem Ärger der Sprachhüter stecken.

Worum es bei der ganzen Debatte wirklich geht, ist vermutlich Folgendes. Wer sich über die Anglizismen und das so genannte Denglisch aufregt, zählt für gewöhnlich zum Bildungsbürgertum. Dort ist die Nutzung von lateinischen, griechischen oder französischen Fremdwörtern nicht nur geduldet, sondern sie gehört sogar zum guten Ton. Wer sie zu gebrauchen weiß, unterstreicht seine (humanistische) Bildung und signalisiert die Zugehörigkeit zur Identifikationsgruppe der Akademiker, der Wissenschaftler, der Kopflastigen, der angesehenen mitunter wohlhabenden Oberschicht und kann sich gegenüber der weniger vornehmen und gebildeten Bevölkerung durch unverständliche lateinische Fremdwörter abheben. Wer sich pragmatischer Kurzformen, die der plakativen englischen Sprache entlehnt sind, bedient, signalisiert hingegen eher eine Ignoranz bildungsbürgerlicher Werte. Hier stehen sich also vor allem die Identitäten zweier gegensätzlicher sozialer Schichten gegenüber und wahrscheinlich auch die Ideale der alten und der neuen Welt.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich dann auch, warum selbst abgehobene altsprachliche Fremdworte, die gar nicht der Verständigung, der ureigentlichen Funktion von Sprache, dienen, sondern sie eher verhindern, selten der Kritik der Sprachgelehrten ausgesetzt sind, während Anglizismnen pauschal kritisiert werden, obwohl sie kurz und prägnant formuliert häufig sehr gut von den meisten verstanden werden – vielleicht mit Ausnahme einiger schon recht betagter Mitbürger.

Fazit: Englisch ist auch nicht schlechter als Latein. Der Maßstab zur Beurteilung von Sprache sollte vor allem sein, inwieweit sie verstanden wird. Es bleibt jedem Einzelnen selbst überlassen, welche Begriffe man verwendet. Eine pauschale Vorschrift – und sei es auch nur eine Liste voller „Vorschläge“, mit der man unterstellt, es bestünde grundsätzlich ein weit verbreitetes Interesse an der Vermeidung von Anglizismen, ist anmaßend. Man kann selbstverständlich in jedem Einzelfall über den Sinn und Unsinn eines bestimmten Begriffs diskutieren. Oder man benutzt diejenigen Begriffe, die einem nicht gefallen, einfach nicht. Ich jedenfalls nehme mir diese Freiheiten heraus.

Kauders Kritiker sollten aufhören zu jammern

Man muss ja nicht zu jedem aktuellen Thema noch einen weiteren Kommentar abgeben, nur um sein Ego zu befriedigen. Das versuche ich auch als Kolumnist zu beherzigen. Doch zu manchen Themen wird viel geschrieben und meines Erachtens dennoch Wesentliches übersehen. So ist es auch in der Diskussion um Kauders Äußerungen zum Abstimmungsverhalten einiger Parteigenossen über das neue Hilfspaket für Griechenland. Vorgehalten wird ihm einhellig eine Sanktionierung von Abweichlern mit dem Ziel, ein einheitliches Fraktionsverhalten zu erzwingen. Doch diesen unterstellten Fraktionszwang darf es laut Verfassung gar nicht geben. Gemäß Artikel 38 sind die gewählten Abgeordneten “Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.“ Das klingt gut und eindeutig. Doch was steckt bei genauerer Ansicht dahinter, und wie lässt sich das mit der üblichen Praxis im politischen Alltag vereinbaren?

Die Presse scheint ganz überwiegend den Protest einiger der betroffenen 60 Abweichler zu teilen. Die proben aufgrund der von ihnen so empfundenen und als solche angeprangerten Drohungen seitens Kauder jetzt den Aufstand – wohl auch ermutigt durch ihre Vielzahl. Einige unter ihnen befürchten nach Kauders Äußerungen, ihre Entsendungsmandate in einflussreiche Ausschüsse zu verlieren und interpretieren das als undemokratische, unangemessene Sanktionierungsmaßnahme eines autoritären Fraktionsführers, der sich damit disqualifiziert habe. Kauders Haltung scheint einfach und unsympathisch: Wer eine andere Meinung vertritt als der Fraktionschef, wird abgestraft und sammelt Minuspunkte für seine parteipolitische Karriere. Aus dieser Perspektive klingt die Kritik an Kauder vollkommen berechtigt.

Doch diese Perspektive ist keinesfalls die einzige, die man bei einer Beurteilung der Situation berücksichtigen sollte. Schauen wir uns als erstes einmal seine Worte in der „Welt am Sonntag“ an, die zum Eklat geführt haben. Kauder sagte Folgendes:

“Die mit Nein gestimmt haben, können nicht in Ausschüssen bleiben, in denen es darauf ankommt, die Mehrheit zu behalten: etwa im Haushalts- oder Europaausschuss.” Kauder weiter: “Die Fraktion entsendet die Kollegen in Ausschüsse, damit sie dort die Position der Fraktion vertreten.”

Das hört sich meines Erachtens schon ganz anders an und ist darüber hinaus absolut nachvollziehbar. Es entspricht der Logik der Ausschusspraxis, dass dort nicht die Minderheit, sondern die Mehrheit einer Fraktion vertreten wird. Kauder hat geradezu die Pflicht, das sicherzustellen, indem er Vertreter entsendet, die dieser Mehrheit gegenüber loyal sind. Und diese Abgeordneten sollten dies auch mit gutem Gewissen und Überzeugung tun können. Wer dies nicht kann, sollte hingegen verantwortungsvoll die Konsequenz ziehen und von sich aus auf die Vertretung der Fraktion in den betreffenden Ausschüssen verzichten. Das zumindest wäre aus meiner Sicht eine selbstverständliche und angemessene Haltung. Stattdessen fürchten nun einige Abweichler, einen persönlichen Preis für ihr couragiertes Verhalten zahlen zu müssen und einen Karriereknick zu erleiden. Für dieses Gejammer habe ich kein Verständnis. Einen idealistischen Einsatz für demokratische Werte kann ich da nicht erkennen. Wer seinem Gewissen folgt, wofür ich immer größte Sympathie besitze, der muss auch mit Widerstand rechnen. Alles andere wäre nicht weit von purem Opportunismus entfernt.

Konsistent und konsequent wäre das Verhalten eines Abweichlers also, wenn er mit Nein stimmt, sich auch öffentlich dazu bekennt und gleichzeitig die Vertretung der anders gestimmten Fraktionsmehrheit in einem der relevanten Ausschüsse ablehnt. So geht politische Korrektheit. Stattdessen einen Verstoß gegen selbige dem Fraktionsführer, dessen Aufgabe ausdrücklich nicht zuletzt der Herstellung einer gewissen Einheitlichkeit, meinetwegen auch einer so genannten Fraktionsdisziplin herzustellen und über den drohenden Verlust von Ämtern zu jammern, ist hingegen erbärmlich und zeugt bestenfalls von Schwäche und Unwissenheit, schlimmstenfalls von verschrobener eigeninteressierter Machtpolitik. Der Leser mag sich darüber sein eigenes Urteil bilden.

Abschließend noch ein paar Gedanken zum Thema „Gewissen“ an sich. Ein Abgeordneter sollte jede Entscheidung nach bestem Gewissen treffen. Zur Gewissensabwägung zählt aber auch, inwieweit ein Bruch der Loyalität zur eigenen Fraktion, der man aufgrund der Logik und Struktur einer parlamentarischen Demokratie grundsätzlich ebenfalls zu einem „gewissen“ Maß verpflichtet ist, gerechtfertigt und vertretbar ist. Auch da muss der Einzelne abwägen. Unser politisches System erfordert Kompromisse an vielen Ecken. Anders ist es gar nicht denkbar, erst recht nicht praktizierbar. Und es erfordert ebenso die Organisierung von Mehrheiten. Der so genannte „Fraktionszwang“ ist in Wirklichkeit aber kein Zwang, sondern ein gruppenmoralisches Gebot, das es zu beachten, aber nicht blind zu verfolgen gilt. Wer gute Gründe und die Courage hat, darf abweichen. Eine Belohnung seiner Fraktion dafür darf er aber nicht erwarten.

Eines jedenfalls bleibt gewährleistet: Wenn ein gewählter Abgeordneter im Deutschen Bundestag, gleichgültig welcher Partei und Fraktion er angehört, eine Entscheidung aus Gewissensgründen persönlich nicht mittragen kann, so hat er das Recht und die Möglichkeit, sich zu enthalten oder dagegen zu stimmen. Er wird nicht verhaftet, gefoltert oder verschleppt und muss auch nicht das Parlament verlassen. Wer in unserer rechtstaatlichen Demokratie aber als Politiker nicht bereit ist, für seine Überzeugungen seine Karriere zu riskieren, der sollte einen anderen Beruf wählen.

Die EU braucht keine verbalen Zocker

Die hitzige Diskussion um die Rettung Griechenlands zeigt sehr deutlich, wie stark ökonomische Probleme mit der ethischen Ebene verknüpft sind. Allein die gängige Terminologie aktueller Beiträge deckt diesen Zusammenhang auf. Worte wie „ungerecht“, „unsolidarisch“, „demütigend“, undankbar, „Misstrauen“, „Betrug“, „Ignoranz“ und viele mehr gehören mittlerweile zum täglichen Schlagabtausch. Vielleicht geht es mittlerweile mehr um die Rettung der Ehre als die der Finanzen Griechenlands. Den Eindruck einer sachlichen Diskussion hat man jedenfalls schon lange nicht mehr. Geht das in einer solchen Situation überhaupt noch? Ich fürchte nicht. Es ist bestenfalls wünschenswert, und die verantwortlichen Politiker sollten deshalb alles daran setzen, die Diskussion so sachlich wie möglich zu führen und kein Öl mehr ins Feuer gießen. Continue reading “Die EU braucht keine verbalen Zocker” »

Brennpunkt Kita: Arbeit mit und ohne Kinder

Eine Kolumne wurde ich gebeten zu schreiben. Über Kitas und den Streik der ErzieherInnen. Ich fühle mich geschmeichelt. Aber was soll man dazu noch sagen?

Ja, Kindererziehung ist megawichtig. Ja, Frauenemanzipation ist megawichtig. Ja, Wohlstand und Arbeit ist megawichtig. Ja, eine angemessene Bezahlung sowieso. Und die Wertschätzung erstmal! Wer könnte das besser verstehen als die Mütter und (ehemaligen) Hausfrauen wider Willen? Und der Staat – in dem Fall vor allem die Kommunen? Der hat wie immer kein Geld für so einen Kinderkram. Und jetzt? Continue reading “Brennpunkt Kita: Arbeit mit und ohne Kinder” »